Hermann Scheer, der Befreier

Veröffentlicht am 17.11.2010 in Presseecho

aus einem Bericht der Waiblinger Kreiszeitung v. 15.11. 2010:

Fellbach. Hermann Scheer leitete eine Befreiung ein. Einen emanzipatorischen Akt der Ablösung von Zwängen, auch in der SPD. Das sagte der Landesvorsitzende Nils Schmid beim politischen Martini der SPD im Kreis, der – eigentlich –Scheers Martini ist. Die persönlichste Rede widmete Beate Weber ihrem politischen Weggefährten von Anfang an.

Die neue Halle hinter der Schwabenlandhalle ist von A bis Z besetzt. Es sind mehr gekommen als zuletzt, als Hermann Scheer noch über seine Erfahrungen bei der Hessen-Wahl sprach und viele SPD-Mitglieder nicht mehr so recht seinen Begründungen hernach folgen wollten. Von diesem wahrlich realpolitischen Ausflug war gestern in den Laudationen posthum gar nicht mehr die Rede. Viel mehr vom Menschen und vom Visionär mit Drang eben doch zur praktikablen Politik. Darin wird er ein Meister bleiben, längst über den plötzlichen Tod hinaus. Beate Weber am Ende ihrer Rede, eine Summe ziehend: „Das ist eine Leistung, die, fürchte ich, nicht jeder Bundestagsabgeordnete vorweisen kann“. Und jeder im Saal wusste, das ist eine schiere Untertreibung. Im Zusammendenken von Umwelt, ökonomischen und sozialen Faktoren war und bleibt er wohl einzigartig.
Beate Weber: „Schrecklich, so eine Rede halten zu müssen“

Beate Weber, die Kommunalpolitikerin und die Europaabgeordnete, trat ans Pult, schlang die Arme um den Manuskripthalter, den sie nicht braucht, und begann mit ihrem Gefühl. Wie sie sich jetzt fühlt: „Es ist ganz schrecklich, so eine Rede halten zu müssen. Ich muss mich ziemlich fest an das Papier hier halten, weil man sonst Schwierigkeiten hat.“ Und sie endete mit einer kleinen Erzählung über eine absolute Schwäche des Sympathen Scheer. Er schnorrte. Haste mal ne Zigarette für mich. Wer hatte, wurde nie verschont. Und auch deshalb, wegen dieser Lasterhaftigkeit eines Erzschaffers im politischen Betrieb, „sind wir alle traurig“.

Beate Weber erzählte, wie zumindest für sie alles begann mit Hermann. Damals, als Willy Brandt nach dem Kanzleramt griff, traf sich eine Gruppe junger Intellektueller innerhalb und außerhalb der SPD, in Heidelberg und in Bonn. Die Republik planen. Gerechter machen, friedlicher. Mit im Stab, außer Scheer, Weber und Dieter Spöri: Alexander Mitscherlich, Jürgen Habermas, Horst Ehmke. Unter eher dubiosen Umständen ist dieser bundesrepublikanische Brain Trust später an das Kernforschungszentrum Karlsruhe angedockt worden. Nur für den Fall, dass sich jemand wundert über diesen Punkt in Scheers Vita. Aber im Grunde war das schon sein Ding, später betrieben in seinem Lebensprojekt erneuerbare Energien: Politiker, Sozialwissenschaftler und Techniker zusammenzubringen. Es ging, so Weber, darum, Politik besser zu verstehen, „das war damals überhaupt nicht üblich“. Und diese Vermittlungsfunktion innerhalb des Dünne-Bretter-Bohrbetriebs Politik hat er immer verfolgt. Egal, ob er jahrelang die eigentliche Bergwerksarbeit machte bei den Landesparteitagen als Chef der Antragskommission.
Nils Schmid: „Stolz, dass er einer der Unsrigen ist“

Oder, und das betonte der Landesvorsitzende Nils Schmid, als Buchautor, zuletzt mit seinem „energet(h)ischen“ Warnruf, wonach die Ressourcenfrage so friedenswichtig ist wie die Abrüstung selbst. Oder, und da konnte Schmid zuletzt aus dem Nähkasten sprechen, mit der Art, wie sich Hermann Scheer zur Lösung der Festgefahrenheit der SPD in der S-21-Frage einbrachte. Für eine Bürgerbefragung, und gar nicht so sehr bestimmend in der Sache.

Der weit jüngere SPD-Politiker und sehr sachliche Mensch Nils Schmid kann da nur Familiensinn beweisen: „Wir sind stolz, dass er einer der Unsrigen war“. Das klingt so endgültig. Deshalb schickte Schmid ein Vermächtnis nach: „Wir werden ihm ein ehrendes Angedenken behalten.“

 

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